Was mich das Reisen gelehrt hat

Reisen veredelt den Geist und räumt mit unseren Vorurteilen auf. -Oscar Wilde

Sabine von Ferngeweht fragt, inwiefern Reisen verändert. Diese Blogparade finde ich eine schöne Idee und deshalb möchte ich auch kurz vor knapp noch teilnehmen.

Als Kind war ich nie mit meiner Familie im Urlaub, es gab keine Familientrips in warme Länder oder zum Camping auf eine Insel. Ich habe die Chance durch die Schule genutzt und habe an Schüleraustausch-Programmen teilgenommen und durfte durch Klassenfahrten einiges erleben. Das schöne am Schüleraustausch war, dass man direkt bei den Familien lebte und einen authentischen Einblick in das wahre Leben der Locals bekam.

Essgewohnheiten in Spanien

In Madrid lernte ich beispielsweise, dass Spanier sehr spät zu Abend essen. Während wir in Deutschland meist zwischen 18-20 Uhr essen, gab es dort eher gegen 21-22 Uhr Abendessen. Das war gewöhnungsbedürftig für mich. Aber ganz typisch gilt: Andere Länder, andere Sitten.

Fernbeziehung: Inland vs. interkontinental

Während meines Auslandssemesters habe ich wohl die größte Veränderung durchlebt. Mein Verlobter und ich sind seit Januar 2014 zusammen und leben seit Januar 2017 in einer Fernbeziehung (Brandenburg – Niedersachsen). Anfangs war das ganz schlimm für mich und die Vorstellung, dass ich ihn während der Zeit in Singapur nicht sehe, war der reinste Horror. Aber im Endeffekt war es halb so schlimm. Wir haben viel telefoniert und geschrieben und er hat mich sogar eine Woche lang besucht, in welcher wir uns verlobt haben. Eine Fernbeziehung ist nichts schlimmes und wir haben uns dadurch weiterentwickelt und die Beziehung gestärkt. Was sind 6-7 Stunden Zugfahrt, wenn man es schafft auf zwei verschiedenen Kontinenten zu leben?

Einen ausführlichen Beitrag findet ihr unter „Fernbeziehung während des Auslandssemesters

Singapur, Liebesschloss, Boat Quay
Liebesschloss am Boat Quay, Singapur

Persönliche Weiterentwicklung

Gerade wenn man alleine reist, ist man komplett auf sich gestellt. Häufig muss man aus der Komfortzone heraustreten und eigene Grenzen überschreiten. Und das ist gut so!

Anfangs habe ich mich wirklich einsam gefühlt in Singapur. Es war nahezu unmöglich richtigen sozialen Anschluss zu finden und somit habe ich vieles alleine unternommen. Aber irgendwann kam die richtige Kollegin und ich fühlte mich wie zuhause. Ihre Familie hat mich nett aufgenommen, wir waren zusammen Karaoke singen, haben an meinem letzten Abend gegrillt und der Onkel hat mich wie seine eigene Tochter behandelt. Ich habe einfach unfassbare Gastfreundschaft erfahren und war sehr gerührt.

Ich wurde eingeladen zu verschiedenen Gerichten und lernte die Küche Singapurs kennen. Und auch da habe ich meinen Horizont erweitert: Durian, Frosch und Austern habe ich probiert – die Austern waren so gar nicht meins. Zu Innereien konnte ich mich jedoch nicht überwinden. Manchmal ist die Komfortzone doch die bessere Wahl.

Auf Reisen lernt man sich ganz anders kennen und entwickelt sich weiter. Und das finde ich wichtig.

Kuala Lumpur, Batu Caves, Kokosnuss
Meine erste frische Kokosnuss in Kuala Lumpur

Sich seine eigene Meinung bilden

Meine eigene Meinung bilde ich mir sowieso immer. Doch als ich nach Erfahrungen zu Jakarta fragte, sagte fast jede*r, ich solle nicht dorthin. Die Menschen seien abgezockt und ziehen dich über den Tisch, alles wäre versmogt und die Stadt wäre nicht ertragbar.

Trotz allem entschied ich mich für Jakarta und wurde positiv überrascht. Ich lernte super liebe Menschen kennen, fühlte mich zu keinem Zeitpunkt unsicher und hatte ein großartiges Wochenende. Natürlich ist die Stadt kein einfacher Ort zum Reisen, aber ich fand ihn spannend!

Hört auf euer Bauchgefühl und macht das, was ihr für richtig haltet!

Europäer gelten als „Trophäe“

Was mir in Asien ebenfalls aufgefallen ist, ist dass Europäer eine Art Trophäe sind. Hier ein heimliches Selfie, da ein erfragtes Gruppenselfie und schnell bei Facebook Freunde werden. In Singapur kam das gar nicht vor, diese Stadt ist allgemein sehr westlich. Aber gerade in Jakarta habe ich das erlebt. Einige Menschen trauen sich nicht zu fragen, oder sind einfach so dreist und machen heimlich Selfies mit dir. Andere fragen ganz höflich, ob sie ein Foto machen dürfen.

Meist macht ihr die Leute sehr glücklich, wenn ihr euch mit ihnen fotografieren lasst (besonders blonde Europäer sind sehr beliebt), aber sagt es auch klar und deutlich, wenn ihr das nicht möchtet.

Auf dem Weg nach Kuala Lumpur hat mich ein Thailänder, er heißt Halim, im Bus angequatscht, sein Englisch ist nicht so gut, aber mit Händen und Füßen konnte man sich doch verständigen. Er war mit einer größeren Gruppe unterwegs, mit der ich nichts zu tun hatte. Als wir in KL ankamen, machten Halim und ich noch ein Erinnerungsfoto und er fügte mich bei Facebook hinzu. Kurze Zeit später hatte ich eine Anfrage von einem Mann aus seiner Gruppe. Ich hatte ihn im Bus gesehen, aber keinen Kontakt zu ihm. Daher nahm ich die Anfrage auch nicht an, aber ich habe mir auch von deutschen Arbeitskollegen sagen lassen, dass sie häufig Freundschaftsanfragen von asiatischen Kollegen/Freunden der Freunde haben.

Selfie, Kuala Lumpur, Deutschland, Thailand
Erinnerungsselfie mit Halim in Kuala Lumpur

Weniger ist mehr

Gerade in Jakarta habe ich viel Armut, neben Prunk und Protz erlebt. Aber die Menschen sahen dabei nicht unglücklich aus. Die Kinder spielten in ihren bunten Kleidungsstücken auf den grauen Straßen, die Menschen lächelten mich an und häufig bieten die, die wenig zu geben haben, das meiste an.

Wir leben sehr im Überfluss und dieser Minimalismus, den ich auf Reisen kennenlernen durfte, hat mich sehr beeindruckt. Die, die wenig haben, sind sehr oft glücklicher, als die, die viel haben. Davon können wir uns eine Menge abgucken!

Kinder in Indonesien
Kinder in Jakarta

Ich könnte noch so viel mehr zu diesem Thema schreiben, es gibt viele Aspekte, die man beim Thema „Reisen verändert“ betrachten, erläutern und diskutieren kann. Dies sind einige Punkte, die mir am Herzen lagen.

 

 

 

 

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20 Kommentare zu „Was mich das Reisen gelehrt hat

  1. Was für ein schöner Beitrag, der mich ein bisschen an mich erinnert! In meiner Kindheit war ich auch allerhöchstens in Thüringen bei der Verwandtschaft und einmal an der Ostsee. Ansonsten waren meine Eltern auch nie reiseverrückt! Ich habe Ungarn, die Niederlande und England damals auch nur wegen der Schule kennengelernt. Heutzutage versuche ich mit meiner Tochter Europa zu erkunden, da kommt man noch ganz gut ohne Flugzeug hin und her :) Bisher haben wir 11 Länder gesehen, Nummer 12 und 13 kommen Ende nächsten Monats dazu! Wir freuen uns schon drauf!

    Liebe Grüße
    Jana

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  2. Ich hab’s zeitlich leider nicht geschafft, über das Thema zu schreiben, weil ich glaube, das wäre ein ganzes Buch geworden… ;-)

    Super, dass Du Dir Gedanken gemacht hast. Ich finde es super, dass man sich irgendwann raus traut, auch wenn man Reisen als Familie damals als Kind evtl. nicht kennen gelernt hat. Gerade manche, die nie raus kamen, werden die größten Reisefans. Und umgekehrt genauso… Schüleraustausche fand ich auch eine der wertvollsten Erfahrungen meines Lebens. Und, wie Du schreibst, auf den Bauch hören und einfach machen. Das Vertrauen, dass es interessant wird, bekommt man auch beim Reisen.

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  3. Hallo Michelle,
    sehr lesenswerter Beitrag!
    Über das Zitat bin ich auch kürzlich erst wieder gestolpert und da ist für mich so viel Wahres dran.
    Reisen hat unser gesamtes Leben umgekrempelt und dieser Veränderung bin ich mehr als dankbar.

    Liebe Grüße
    Isabel

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  4. Hallo Michelle,
    viele deiner Erfahrungen habe ich auch gemacht und meine erste ganz weite Reise habe ich mit 14 Jahren auch zum Schüleraustausch nach Kanada gemacht.
    In China wollten wir ein Gruppenfoto von unserer Reisegruppe machen. Zu Hause habe ich dann mit Erstaunen festgestellt, dass wir Zuwachs bekommen haben. Eine Dame hatte sich hinten mit hingemogelt.
    Ja, Reisen bildet und gibt einem viele schöne, witzige oder auch mal traurige Erninnerungen…
    Liebe Grüße
    von Gabriela auf Reisen

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  5. Liebe Michelle,

    ich bin gerade erst auf deinen Blog gestoßen und mir gefällt er sehr gut.

    Genau so wie du sehe ich das mit dem Reisen übrigens auch. Man nimmt durch diese Eindrücke auch jede Menge mit und allein zu reisen bedeutet auf jeden Fall mal die Comfort- Zone zu verlassen.

    Liebe Grüße,
    Christina Jade

    https://wilderhearts.net

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  6. Liebe Michelle,
    Reisen bilden nicht nur, sie verändern auch unsere Sichtweisen auf die Mnschen dort, das Land, sie Stadt und die neue Kultur. Ich vielem habe ich mich in deinem Beitrag wieder gefunden ;-)
    Ich reise mittlerweile alleine, da die Kinder groß sind. Jedes Mal ein Abenteuer. IAuf Santorin bin ich ausgeraubt worden. Auch das gehört in den seltesten Fällen auch dazu, will ich aber nicht nochmals erleben. Die Griechen waren nicht gerade hilfsbereit. Ansonsten habe viele gute Erfahrungen auf meinen Reisen gemacht. Echt toller Beitrag! Danke.
    LG Caro

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    1. Danke dir, liebe Caro!
      Oh nein, das klingt wirklich nicht gut. So ging es mir damals in Paris, da wurden wir durch einen fiesen Trick beklaut.
      Aber auch die negativen Erfahrungen prägen uns.

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  7. Ich liebe es zu Reisen und fremde Kulturen kennen zu lernen. Hotel-Urlaube mit All-Inklusive sind so gar nicht meinst. Dein Beitrag weckt auf jeden Fall Fernweh :) Und auch der Minimalismus, den du kurz ansprichst, zeigt uns doch jedes Mal, wie unwichtig manche Sachen eigentlich sind und welche Dinge wirklich wichtig sind. Das ist das, was mich das Reisen am meisten lehrt. Dass die in Spanien erst so spät essen, hängt glaube ich mit der Wärme zusammen.

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  8. Hallo Michelle,
    vielen Dank für den Einblick in deine Reiseseele☺️ Ich persönlich finde auch, dass Reisen einen nachhaltig beeinflusst. Es wäre auch schlimm, wenn einem die Eindrücke der Welt “kalt” lassen würden. Bei mir hat sich vor allem das Konsum- und stark verändert.

    Liebe Grüße Josefine von

    fineontour

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  9. Ich kann dir da in allen Punkten ausnahmslos recht geben. Gerade das Alleinereisen war für mich sehr wichtig, um meine Persönlichkeit weiter zu entwickeln und mich selbst besser kennen zu lernen. Aber auch zu zweit oder in Gruppen reisen, bringt einem so viel, wenn man sich auf neue Kulturen und fremde Menschen einlässt.
    Trotz aller Warnungen trifft man ja doch meistens sehr nette und hilfsbereite Menschen, das hat bei mir dazu geführt, dass ich eher dazu geneigt bin zu glauben, dass wir grundsätzlich gut sind und alle friedlich miteinander leben können. Ich finde, das ist ein sehr wichtiger Aspekt, den sich auch mehr Leute zu Herzen nehmen sollten.

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  10. Der Spruch auf den Schloss ist wirklich schön und regt zum Nachdenken an. Ich bin in meinem Leben noch nicht so viel gereist, mich reizt es aber im Moment auch überhaupt nicht. Bin so wie es ist sehr glücklich.

    Liebe Grüße Lisa

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  11. Hallo Michelle, danke für deinen schönen Bericht – ja, reisen bildet :-) allerdings reise ich selten, ich habe einfach zu viel zu tun und als Ausgleich haben wir hier in Wuppertal ein ganzjähriges geöffnetes Freibad plus ich reite ja aktiv – das ersetzt jeden Urlaub und ;-) bildet auch. Ich finde es auf alle Fälle ganz toll, wie mutig und offen du in fremde Länder reist und über deine Erlebnisse berichtest, liebe Grüße Bettina

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    1. Danke, liebe Bettina! Ja, Zeit und Geld sind immer begrenzende Faktoren, aber ich komme durch meine Forschungsarbeit auch ganz gut rum. Dadurch hat sich ja Singapur ergeben, ich durfte bereits eine Woche in Paris zur Uni gehen und habe auch viele deutsche Städte wie Kaiserslautern z.B. schon durch Tagungen sehen dürfen:)

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